Inhaltsbereich
Der Krieger von Quelkhorn
Es ist das Jahr 1988, noch gibt es keine Metallsonden, die Hobbyarchäologen suchen die Äcker mit bloßem Auge ab. Auch Klaus Gerken aus Otterstedt. Diesmal hat er sich die Gegend um Quelkhorn vorgenommen. Tief gebückt läuft er die Pflugspuren ab, noch hat er nichts gefunden. Aber dann. Zwischen den Erdschollen blitzt etwas Grünes hervor. Das gehört hier nicht her, da ist Gerken sich sofort ganz sicher. Ein paar Erdkrümel beiseite gewischt, und was er dann in den Händen hält, kann er zunächst kaum glauben: das Mittelteil von einer Schwertklinge.

Die Beigaben des „Kriegers von Quelkhorn“: Schwert, goldene Lockenspiralen, Bronzenadel (Foto: Chr. S. Fuchs (†), Nds. Landesamt für Denkmalpflege)

So könnte der „Krieger von Quelkhorn“ zu Lebzeiten ausgesehen haben (Aquarell: R. Lindenbauer (†), Achim-Baden) Klaus Gerken kennt sich aus. Solche Schwerter wurden in der Bronzezeit benutzt und üblicherweise liegen sie in Grabhügeln. Was macht das Klingenbruchstück auf dem Acker? Er informiert sofort die damals zuständige Kreisarchäologin Dr. Gabriele Nowatzyk. Gemeinsam sehen sie sich die Fundstelle an. Wenn man genau hinschaut, erkennt man eine leichte Erhöhung im Acker, vielleicht 20 Zentimeter, aber nicht mehr. Das kann nur der letzte Rest eines ehemaligen Grabhügels sein, den der Pflug im Laufe der Jahrtausende auseinandergerissen und immer flacher gemacht hat.
Die Kreisarchäologin zögert nicht lange: Wo ein Bruchstück ist, da muss noch mehr sein und Schwertgräber sind selten. Hier ist Eile geboten, damit der Pflug nicht noch mehr Schaden anrichten kann. Sie setzt eine Ausgrabung an.
Was die Archäologen dann finden, übersteigt ihre kühnsten Erwartungen. Unter dem flachen Grabhügelrelikt verbergen sich die intakten Gräber von drei Toten, einem Mann und zwei Frauen, wie sie vor rund 3.500 Jahren mit all ihren Grabbeigaben bestattet wurden.
Der Mann hatte sein Schwert dabei, und der Restaurator konnte später das Bruchstück von Klaus Gerken problemlos an die Teile anfügen, die noch im Grab lagen. Und der Tote war kein armer Mann, denn zwei kleine Goldspiralen schmückten entweder sein Haar oder eine Mütze oder Kappe, die sich nicht erhalten hat. Außerdem trug er eine Bronzenadel, die wohl seinen – nicht erhaltenen – Umhang zusammenhielt. Die Kleidung und die Knochen des Toten waren vollständig vergangen, aber man konnte noch den Leichenschatten sehen, eine Verfärbung, die der Leichnam in der Erde hinterlassen hatte.
Die beiden Frauen waren mit ihrem Schmuck bestattet, eine mit Bronzespiralen an jedem Arm, die andere mit einem Hals-Kollier aus Bronze. Auch sie trugen jeweils eine Gewandnadel aus Bronze, eine hatte außerdem ein kleines Tongefäß im Grab.

Zwei spiralig gedrehte Armringe, Bronzenadel, Tontöpfchen aus einem der beiden Frauengräber (Foto: Chr. S. Fuchs (†), Nds. Landesamt für Denkmalpflege)

Zerbrochenes Hals-Kollier und Bronzenadel aus einem der beiden Frauengräber (Foto: Chr. S. Fuchs (†), Nds. Landesamt für Denkmalpflege)
Der Grabhügel ist längst ausgegraben, der Krieger im Domherrrenhaus in Verden, die Frau mit dem Hals-Kollier in einer rekonstruierten Tracht im Heimathaus Irmintraut in Fischerhude ausgestellt. Doch viele Fragen bleiben: Drei Tote in einem Grabhügel. Waren sie miteinander verwandt oder verheiratet? Oder wurden sie nur zufällig im selben Grabhügel bestattet? Wo stand der Bauernhof, auf dem sie gelebt haben? Und vor allem: Wer war der Krieger? Schwert und Gold heben ihn weit über die vielen Toten in anderen Grabhügeln hinaus! War er ein Häuptling mit hohem Ansehen und großem Einfluss? Ein reicher Bauer, der auch mal in den Krieg zog? Oder ein Krieger, der das Kriegshandwerk quasi berufsmäßig ausübte und sich mit seinem erbeuteten Gold bestatten ließ? Die Fragen bleiben. Klaus Gerken hat seither noch viele wichtige Funde entdeckt (siehe auch: „Die Venus von Bierden“), aber keine weitere Schwertklinge.

Begräbnisszene: Der „Krieger von Quelkhorn“ ist schon ein paar Jahre tot, er liegt im Grabhügel, der mit violetter Heide bewachsen ist. Jetzt ist die Frau mit den zwei Armspiralen gestorben. Sie findet ihr Grab in einem Anbau an den vorhandenen Grabhügel. Die Frau mit dem Hals-Kollier stellt ihr gerade das Tontöpfchen auf die Totenbahre. Das alles ergibt sich aus dem archäologischen Befund. Ob die Frau tatsächlich einen halbwüchsigen Sohn und eine kleine Tochter hinterlässt, wissen wir nicht, aber so könnte es gewesen sein (Zeichnung: Chr. Gibbons, Verden).