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Der Mittelalterhof beim Netto-Markt in Dörverden
Dörverden ist reich an archäologischen Fundstellen. Eine liegt unter dem Netto-Markt am nördlichen Ortseingang. Wie schon unter dem Ehmkenhof in Dörverden wurde hier ein Teil eines Gehöftes aus dem Mittelalter ausgegraben. Die Untersuchung fand im Winter 2014/2015 unter der Leitung von Klaus Gerken, Gerken-Archäologie, statt, weil der Netto-Markt seine Lager- und Verkaufsflächen erweitern wollte.
Ausgegraben wurden drei kleine rechteckige Gebäude, die aus hölzernen Pfosten errichtet waren; wahrscheinlich waren das Nebengebäude, das Haupthaus, in dem die Menschen lebten, fehlt. Wahrscheinlich steckt es unter dem bestehenden Netto-Markt noch in der Erde. Außerdem wurden zwei Grubenhäuser und ein kleines quadratisches Gebäude ausgegraben. Grubenhäuser werden oft gefunden; meistens waren das Webhütten. Aber das kleine quadratische Gebäude ist etwas Besonderes: Acht Pfosten umgrenzen ein Bauwerk von etwa 4 mal 4 m Grundfläche; vermutlich mit Bretterwänden, die in Wandgräbchen saßen. Von diesem Gebäude führte eine Abflussrinne zu einem nahegelegenen kleinen Bach oder Graben. Das deutet darauf hin, dass darin handwerkliche Arbeiten verrichtet wurden, bei denen man Wasser brauchte, das geordnet abfließen sollte. Was das für Arbeiten waren, lässt sich nicht mehr herausfinden. Wer hat in dieser Bretterbude sein Handwerk ausgeübt und welches Handwerk war das?

Gesamtplan der Ausgrabung (Plan: K. Gerken, Grafik: H. Blumenstein; Archae-Nord)

Grundriss des geheimnisvollen quadratischen Gebäudes (Plan: K. Gerken, Grafik: H. Blumenstein; Archae-Nord)

Die dünnen Wandgräben des quadratrischen Gebäudes (rechts) überlagern die fast schwarze Verfüllung eines Grubenhauses. Das quadratische Gebäude muss also jünger sein und wurde wahrscheinlich errichtet, als das Grubenhaus schon verfallen war. (Foto: K. Gerken)
Bei der Ausgrabung wurden überwiegend Alltagsgegenstände gefunden: Eisenmesser, Eisennägel, das Bruchstück eines Wetzsteines, ein zerbrochener Spinnwirtel, ein zerbrochenes Webgewicht, das Bruchstück einer Handmühle aus Basaltlava zum Getreidemahlen und Scherben des Alltagsgeschirrs. Aber es gab auch ein paar ungewöhnliche Gegenstände, die man nicht alle Tage findet: eine grüne Glasperle, eine Scheibenfibel, ein Schwertscheidenniet, ein Bleirädchen und ein Armbrustbolzen.

Funde aus Dörverden: eine grüne Glasperle in zwei Ansichten, eine Scheibenfibel und der Rand eines zerbrochenen Tontopfes (Foto: K. Gerken)

Funde aus Dörverden: 1 Schwertscheidenniet, 2 Armbrustbolzen, 3 Bleirädchen, 4 Eisennagel, 5 Eisenmesser, 6 Bruchstück eines Wetzsteines, 7 Bruchstück eines Spinnwirtels, 8 Bruchstück eines Webgewichtes, 9 Bruchstück einer Handmühle für Getreide aus Basaltlava, 10 Fragment eines zerbrochenen Tontopfes (Zeichnungen: A. Boneff)
Die Scherben datieren das Gehöft in die Zeit vom 7. bis in das 11./12. Jahrhundert. Ob der Hof in dieser doch recht langen Zeit kontinuierlich oder mehrmals hintereinander mit Unterbrechungen besiedelt war, verraten sie nicht. Die Scheibenfibel ist mit einem Kreuz verziert, zwischen den Kreuzarmen sind brezelfömige Verzierungen eingearbeitet. Sie datiert in das 8. bis 9. Jahrhundert. Sie wurde in der Kleidung getragen, wo sie etwa einen Umhang zusammenhielt. Sie dürfte der Bäuerin gehört haben, kaum der Magd. Scheibenfibeln werden oft gefunden, Sondengänger entdecken sie zuhauf mit der Metallsonde. Ungewöhnlich ist die Stelle, wo sie in Dörverden die Erde kam: in einem Hauspfosten. Frühmittelalterliche Fibeln, die unter oder bei einem Haus lagen, wurden auch an anderen Orte beobachtet. Zu oft, um an unglückliche Zufälle zu glauben. Die Fibeln sind ihren Trägerinnen nicht einfach aus der Kleidung gefallen und wurden dann nicht wiedergefunden, sondern die Frauen haben sie offenkundig absichtlich der Erde anvertraut. Als heidnische Opfergaben an die Götter? Als Abwehrzauber gegen böse Mächte, die dem Haus schaden wollten? Im 9. Jahrhundert waren die Leute schon Christen, noch nicht lange bekehrt und sicherlich nicht sonderlich vertraut mit den christlichen Glaubensinhalten, denn damals konnte kaum jemand lesen und schreiben. Wahrscheinlich haben sich Zauberei und der Glaube an heidnische Götter trotz strenger Verbote noch eine Weile gehalten. Vielleicht sollte die Fibel den Schutz des neuen christlichen Gottes und gleichzeitig den Schutz durch die traditionellen heidnischen höheren Mächte bewirken.
Eine Schwertscheide aus Leder oder Fell schützte das wertvolle Schwert vor Beschädigungen und seinen Träger vor Verletzungen. Verziert war sie mit dekorativen Nieten; einer wurde in Dörverden gefunden. Der Schwertscheidenniet datiert in das 7. Jahrhundert und gehört zu den ältesten Funden dieser Ausgrabung. Ein Schwert konnte sich nicht jeder leisten, sondern nur die Spitzen der damaligen Gesellschaft. Wer lebte also auf diesem Hof?
Bleirädchen werden als Handwerkszeug gedeutet, das Spektrum der Deutungen reicht dabei von Spinnwirtel bis zum Zubehör eines Drillbohrers. Spinnwirtel gehörten zur Standardausstattung mittelalterlicher Haushalte, damit wurde Wolle zu Garn verzwirnt. Sie sind aber üblicherweise aus Ton und haben andere Formen als das Bleirädchen. Manche Archäologen halten die Bleirädchen deswegen für etwas ganz Anderes, für Schwungräder für Drillbohrer. Solche Drillbohrer wurden für feine, diffizile Arbeiten gebraucht, mit denen man Gegenstände für den gehobenen Bedarf herstellt. Bleirädchen datieren ins 9. Jahrhundert und werden üblicherweise auf Burgen gefunden, nicht in einfachen ländlichen Gehöften wie in Dörverden. Dort, auf den Burgen, arbeiteten spezialisierte Handwerker, die feine Gerätschaften brauchten, und dort saßen die potentiellen Abnehmer für ihre hochwertigen diffizilen Waren des gehobenen Bedarfs. Wer hat also in Dörverden mit dem Bleirädchen gearbeitet und was hat er oder sie damit produziert?
Armbrustbolzen sind Pfeilbewehrungen. Die Pfeile wurden aber nicht mit Bögen verschossen, sondern mit Armbrüsten. Die Armbrust ist eine Erfindung des 11. Jahrhunderts. Mit ihrer hohen Durchschlagskraft war sie eine waffentechnische Innovation ersten Ranges. Der Papst verbot sie denn auch bald, allerdings galt das Verbot nur für Kämpfe von Christen gegen Christen, nicht für Kämpfe gegen Heiden, und damit waren damals in erster Linie Muslime gemeint. Der Armbrustbolzen steckte in Dörverden als Fehlschuss in der Erde. Wer hat damit geschossen? Auf wen wurde damit geschossen? Ging der Schütze mit seiner Armbrust auf die Jagd? Oder lebte der Besitzer der Armbrust selber auf dem Hof beim Netto-Markt?
Der Schwertscheidenniet, das Bleirädchen und der Armbrustbolzen weisen in ein gehobenes soziales Milieu, wie man es in der Welt des Adels findet. Zu einem einfachen Bauernhof passen sie nicht so recht. Und sie decken den gesamten Zeitraum ab, in dem Menschen an dieser Stelle im Mittelalter aktiv waren, die Zeit vom 7. bis ins 12. Jahrhundert. Was war das Besondere an diesem Gehöft, dass hier über so lange Zeit immer wieder Objekte aus einer herausgehobenen sozialen Sphäre benutzt wurden? Wer waren seine Bewohner? Der ausgegrabene Ausschnitt ist zu klein, um Antworten auf diese Fragen zu finden. Man müsste mehr Gebäude kennen und mehr Funde haben; vielleicht ergibt sich die Gelegenheit bei zukünftigen Um- oder Neubauten des bestehenden Netto-Marktes.
Zum Weiterlesen:
Jutta Precht, Dörverden FStNr. 39 - Ein Gehöft des frühen bis hohen Mittelalters im Landkreis Verden. Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte 90, 2021, 327–347.
Jutta Precht, Die Ausgrabung beim Netto-Markt in Dörverden. Jahrbuch für den Landkreis Verden 2022, 216–225.