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Ein Mittelalterhof in Holtum-Geest
Holtum-Geest ist ein altes Dorf. Der Ort wurde 935 erstmals in einer Urkunde Heinrichs I. erwähnt, ist aber womöglich sogar noch älter, wie jüngst eine archäologische Ausgrabung ans Licht brachte.
Die Ausgrabung fand im Sommer und Herbst 2019 am Fuß der Holtumer Windmühle statt, wo gerade ein kleines Neubaugebiet entsteht. 1965 hatte man auf der anderen Straßenseite Scherben des 10./11. Jahrhunderts in der Baugrube für einen Strommast gefunden. Deswegen konnte man auch hier mit archäologischen Funden rechnen.
Die Archäologen waren lange vor den ersten Bauarbeitern vor Ort, so dass sie die zukünftigen Bauarbeiten nicht behinderten und oder in zeitlichen Verzug brachten. Unter der Leitung von Stephanie Böker M.A. von der Bremer Grabungsfirma Archäologiebüro Nordholz und mit tatkräftiger Unterstützung durch Bernd Steffens von der Kreisarchäologie und zahlreiche ehrenamtliche Grabungshelfer gruben sie ein Gehöft aus dem Mittelalter aus. Das Gehöft bestand aus Häusern, einer Hütte und ein paar Brunnen und war von etwa 800 bis 1400 besiedelt. Es wurde nicht vollständig ausgegraben, sondern setzt sich unter den Nachbargrundstücken rechts und links der Grabungsfläche und unter der Straße fort.
Die Häuser waren mit ihren Pfosten - anders als heutige Niedersachsenhäuser - in die Erde eingegraben. Das hat enorme Auswirkungen auf die Haltbarkeit: Schätzungen gehen im schlechtesten Fall von einer Lebensdauer von höchstens 30 Jahren aus; wahrscheinlich konnte man mit geschickten Bautechniken aber doch etliche Jahre mehr herausschlagen.

Rekonstruktionszeichnung von Haus 1 des Mittelalterhofes in Holtum-Geest (Grafik: Jochen Stuhrmann)
Haus 1 hatte mit knapp 25 m Länge und 7 m Breite eine beachtliche Größe. Die Hauspfosten der Außenwände standen einander paarig gegenüber, in der Hausmitte trug eine Reihe von Holzpfosten den Dachfirst. Lücken in den Außenpfosten am westlichen Hausende und in der Hausmitte zeigen Eingänge an. Wahrscheinlich haben die Leute hier gewohnt und Lebensmittelvorräte, Heu und Stroh gelagert. In der gesamten östlichen Haushälfte sind die Abstände der Pfosten für die Außenwände viel weiter gesetzt. Hier könnte der Stall gewesen sein. Ein paar Pfosten vor dem östlichen Hausende sprechen für einen offenen Anbau mit Schleppdach. Das Haus wurde zwischen 800 und 1000 errichtet. Die Bauweise ist zu der Zeit aber schon uralt: bereits in der Jungsteinzeit wurden ähnliche Firstpfostenhäuser gebaut.
Haus 3 unterscheidet sich eindrücklich von Haus 1: Es ist deutlich kürzer, nur 19 m lang, aber mit 8,50 m etwas breiter, und es ist ganz anders gebaut: Die Firstpfostenreihe fehlt, so dass im Innern ein freier Raum entsteht, der auf beiden Seiten von schmalen Seitenschiffen mit kleinen Boxen begleitet wird. Darin war vielleicht das Vieh untergebracht oder auch die Bettstellen für die Bewohner. Dieses Haus ist sehr viel jünger als Haus 1: Es datiert in die Zeit zwischen 1300 und 1400. Die Seitenschiffe für das Vieh und der große freie Mittelraum, der später zur Diele wird, weisen schon auf das spätere Niedersachsenhaus hin.

Rekonstruktionszeichnung von Haus 3 des Mittelalterhofes in Holtum-Geest (Grafik: Jochen Stuhrmann)
Wahrscheinlich standen noch mehr Häuser in Holtum-Geest, im Plan als Pfostenkonzentration 2 und Gebäude 4 gekennzeichnet. Ihre Grundrisse lassen sich nicht so deutlich erkennen, weil zu viele Pfosten von Umbauten oder Reparaturen vorhanden sind, oder weil sie über die Grabungsgrenze hinausragen. Das waren wohl keine Wohnstallhäuser, sondern aufgrund der Größe eher kleine Nebengebäude. Aber eine kleine in die Erde eingegrabene Hütte konnte ausgegraben werden: ein sog. Grubenhaus. Es ist nur 4,90 mal 3,90 Meter groß und war etwa 40 cm tief unter das Niveau der Grabungsfläche eingegraben. Das war eine Hütte für handwerkliche Arbeiten, vor allem für die Weberei, aber in kalten Wintern haben sich die Bauersleute hier sicherlich auch nachts verkrochen, weil die großen Bauernhäuser kaum richtig beheizbar waren.

Gesamtplan des Mittelalterhofes in Holtum-Geest
Kein Hof ohne Wasserversorgung. Dafür hat man Brunnen gebaut, zwei wurden bei der Ausgrabung gefunden. Ein Brunnen aus dem 10.–13. Jahrhundert neben dem Grubenhaus bestand aus einem Brunnenschacht, der in den sandigen Boden gegraben war, und vielleicht mit Holzbohlen versteift war. An der Stelle von Haus 3 wurde sehr später, als das Haus schon lange nicht mehr stand und völlig in Vergessenheit geraten war, ein weiterer Brunnen gegraben. Er wurde mit Feldsteinen ummantelt und reichte bis in 2,20 m Tiefe unter Grabungsniveau. Sein Innendurchmesser war mit 0,80 bis 0,90 m beachtlich. Solche Feldsteinbrunnen werden nur selten bei Ausgrabungen gefunden. Im Brunnen fanden sich Bruchstücke eines Mühlsteines, die sicherlich aus der benachbarten Windmühle von 1863 kommen; der Brunnen stammt also aus dem 19. oder 20. Jahrhundert.
Die Spuren eines Staketenzaunes an der südlichen Grabungsgrenze sind deutlich jünger als die anderen Befunde und haben nichts mit dem mittelalterlichen Gehöft zu tun.
Haus 1 aus dem 9. bis 10. Jahrhundert, Haus 3 aus dem 14. Jahrhundert und ein Feldsteinbrunnen aus dem 19. bis 20. Jahrhundert: der Ort war offensichtlich attraktiv, denn hier wurde fast 1.000 Jahre lang immer wieder gesiedelt. Wahrscheinlich nicht durchgängig, denn die Menschen zogen weg, wenn die Häuser nicht mehr zu retten waren, kehrten aber immer wieder hierher zurück. Doch nicht nur am Fuß des Mühlenberges lebten Menschen: In einem Hausgarten an der Straße „Achtern Hoff“ entdeckte ein Bewohner Holtums beim Anlegen seines Gartenteiches Scherben des 8. bis 10. Jahrhunderts. Wahrscheinlich stand hier ein weiteres Gehöft, und als der Ort 935 in einer Urkunde erstmals erwähnt wird, können in Holtum schon seit hundert oder mehr Jahren Häuser gestanden haben. Doch erst als man die altertümliche Pfostenbauweise aufgab und die Häuser auf Schwellbalken und Unterlegsteine stellte, wurden sie haltbarer und die Höfe über Generationen hinweg bewohnbar. Erst dadurch konnte das heutige Dorf Holtum entstehen, im Laufe des Mittelalters zusammengewachsen aus verstreuten Einzelhöfen und seitdem kontinuierlich bewohnt.