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Erbhof in Thedinghausen
Der Erbhof in Thedinghausen wurde 1619 bis 1621 vom Bremer Erzbischof Johann Friedrich erbaut. Dem zweigeschossigen Gebäude aus Backstein sind auf der Schauseite ein zentraler Treppenturm und zwei seitliche Utluchten vorgelagert. Zierelemente aus Sandstein betonen die Ecken, die Fenster und die Türlaibungen, und sind vor allem als reich ausgeschmückte Bänder an den Fassaden der Utluchten angebracht.

Erbhof in Thedinghausen (Foto: Fritz Westermann)
Das ländliche Lustschloss im Stil der Renaissance wurde mit zwei Festsälen im Obergeschoss, einer Wohnung im Erdgeschoss und Küche und Keller im Untergeschoss ausgestattet. Geplant war das Gebäude als repräsentatives "Lusthaus", wie man das damals nannte, für den Bremer Erzbischof und als standesgemäße Wohnung, allerdings nicht für ihn, sondern für seine Thedinghäuser Geliebte Gertrude von Heimbruch. "Lusthäuser" waren nicht in erster Linie zum Wohnen gedacht, sondern sie dienten standesgemäßen Lustbarkeiten, Festen und Empfängen und wurden von ihren Besitzern zu diesen Anlässen besucht. Der Name Erbhof ist übrigens nicht zeitgenössisch, sondern kam erst später auf, als das Gebäude zum vererbbaren Besitz seiner Eigentümer gehörte. Wie Johann Friedrich sein Schlösschen nannte, ist nicht bekannt.
Zur geplanten Nutzung kam es nie, denn Gertrude starb, noch bevor die Bauarbeiten abgeschlossen waren, und Johann Friedrich verlor daraufhin schnell das Interesse an seinem Neubau. Die späteren oft wechselnden Besitzer konnten mit den großen Festsälen im Obergeschoss nichts anfangen und zogen Zwischenwände ein und hängten die Decken ab. Darunter blieben die Deckenbalken und stellenweise auch die Wandbemalung der Renaissance erhalten.
Der Erbhof wurde saniert
Jahrhundertelang war der Erbhof in Privatbesitz. Erst als die Samtgemeinde Thedinghausen 1999 das Gebäude kaufte, war an eine öffentliche Nutzung zu denken. Dafür musste das in die Jahre gekommene Gebäude zunächst saniert werden.

Blick in den sanierten Festsaal (Foto: Samtgemeinde Thedinghausen)
Im Dezember 2011 fiel der Startschuss. Der Dachstuhl wurde ausgebessert und das Dach mit grauen Schieferplatten neu eingedeckt, wie auch zur Zeit der Renaissance. Doch vor allem wurde im Inneren einer der beiden Festsäle originalgetreu wiederherstellt. Dafür mussten zunächst die abhängten Decken entfernt werden, um die reich verzierten alten Deckenbalken wieder sichtbar zu machen. Wo die Ausmalung schon fehlte oder bei einer früheren Sanierung zerstört war, ergänzten die Restauratoren das Fehlende in den inzwischen verblassten Farbtönen der Renaissance. Von den Deckenbalken hingen geschnitzte und dann vergoldete Zapfen aus Holz herab, so genannte Abhänglinge. Ein paar hatten sich erhalten und dienten einem Holzschnitzer als Vorlage, so dass sie heute wieder vollzählig vorhanden sind.

Wandbemalung im restaurierten Festsaal: Von der Decke hängen gemalte Abhänglinge herab, die die vergoldeten Originale unter den Deckenbalken imitieren (Foto: Gerhard Precht, Landkreis Verden).
Eine Ziegelei in Mitteldeutschland brannte für den Fliesenfußboden neue Fliesen anhand erhaltener alter Originale in den damaligen Farben, die im originalen Muster verlegt wurden. Zusätzlich wurden eine Wand- und eine Fußbodenheizung eingebaut. Ein paar der aufwändig geschnitzten Fensterstöcke aus Holz waren durch glückliche Umstände erhalten, so dass man auch hier ein Vorbild für die Nachbauten hatte. Die neuen Fensterstöcke hat eine Fachfirma eingebaut, die Originale werden für eine geplante Ausstellung aufbewahrt. Der Kamin, das Herzstück des Saales, saß nicht mehr an Ort und Stelle. Er wurde, in Einzelteile zerlegt, nach und nach auf dem Erbhofgelände und in der Umgebung entdeckt. Was fehlte, konnte man ergänzen, so dass es möglich war, den Saal wieder mit einem vollständigen Kamin auszustatten.
Einiges war nicht oder nur noch teilweise erhalten, zum Beispiel die Wandbemalung. Anstatt der ursprünglich üppigen Ausmalung hat der Saal heute weiße Wände, nur die gemalten Abhänglinge und ein Beistrich unter der Decke wurden ergänzt. Auch über die Beleuchtung zur Zeit der Renaissance ist nichts bekannt. Deshalb wurden drei schlichte kreisrunde Kronleuchter mit indirektem Licht in den Fensterlaibungen kombiniert, die den Saal optimal in Szene setzen. Die nicht erhaltenen Türen wurden durch schlichte Holztüren ersetzt.

Restauratoren legen letzte Hand an die Wiederherstellung der prächtigen Deckenbalken (Foto: Gerhard Precht, Landkreis Verden).
Bislang galt der Erbhof als nördlichstes Beispiel der Weserrenaissance. Die detaillierte baugeschichtliche Bewertung der bei der Sanierung gewonnenen Erkenntnisse hat jedoch zu einem ganz anderen Ergebnis geführt. Johann Friedrich und sein unbekannter Architekt haben sich keineswegs an den Bauten der Weserrenaissance orientiert, sondern die Vorbilder sind unter den Schlössern seiner königlichen Verwandtschaft im Norden zu suchen. Schloss Rosenborg in Kopenhagen, Schloss Badstuen in Frederiksborg, ein Flügel des Oldenburger Schlosses und Schloss Reinbek bei Hamburg lieferten die Anregungen und Ideen, die dem gebildeten Zeitgenossen mit Sinn für Architektur damals sicherlich aufgefallen sind.
Im April 2014 wurde der sanierte Erbhof eingeweiht. Der restaurierte Festsaal wird jetzt für Lesungen und Konzerte genutzt und Brautpaare geben sich hier das Ja-Wort. Die Fassade des Erbhofes bildet die imposante Kulisse für das jährlich im Innenhof stattfindende Erbhoffestival. Eine Ausstellung zur Geschichte des Erbhofes ist in Planung. Heute ist der Erbhof in Thedinghausen ein Baudenkmal von überregionaler Bedeutung mit Strahlkraft weit über die Region hinaus.
Ausführlichere Informationen zum Erbhof in Thedinghausen sind auch im Jahrbuch für den Landkreis Verden 2016 nachzulesen.
