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Germanen in Holtorf-Lunsen
Vor rund 2000 Jahren lebten germanische Stämme in unserer Gegend. Ihren Lebensunterhalt bezogen sie aus der Landwirtschaft, spezialisierte Handwerker versorgten die Bauern mit den Waren des täglichen Bedarfs und so mancher junge Mann diente in der Fremde in der römischen Armee. Bronzeobjekte, auch des gehobenen Bedarfs, werden bei Ausgrabungen immer wieder gefunden. Die Wege, die die Waren nahmen und die Orte, an denen sie gehandelt wurden, waren lange nicht bekannt. Jetzt untersucht sie ein Forschungsprojekt des Landes Niedersachsen. Einer der Ausgrabungsorte liegt in Holtorf-Lunsen. (s. Flyer: Römisch-kaiserzeitliche Bootslandeplätze im Bereich der Allermündung)

Die Archäologin und Bodenkundlerin Imke Brandt (Foto: B. Probst, Dörverden) Das NIhK in Wilhelmshaven, das Niedersächsische Institut für historische Küstenforschung unternimmt, anders als der Name vermuten lässt, nicht nur Forschungen in Küstennähe, sondern auch im Binnenland. „Nicht, weil wir damit rechnen, dass der Meeresspiegel so sehr ansteigt, dass Verden zum Badeort wird“ scherzt Imke Brandt, „sondern weil wir sehen wollen, ob sich unsere Ergebnisse von der Nordseeküste auch auf das Binnenland übertragen lassen“. Brandt, Archäologin und gleichzeitig Bodenkundlerin, war 2017/2018 beim NIhK für die Durchführung und Organisation der umfangreichen archäologischen und naturwissenschaftlichen Untersuchungen im Rahmen des Forschungsprojektes zuständig. Sie gräbt aus, teuft bodenkundliche und geologische Bohrungen ab und führt geomagnetische Messungen durch. In Holtorf-Lunsen hat sie in zwei Grabungskampagnen eine Fläche von rund 600 Quadratmetern Größe untersucht.

Blick auf die Ausgrabung 2017 in Holtorf-Lunsen (Foto: I. Brandt, NIhK)

Verschiedene Bronzeobjekte, die der Hobbyarchäologe Gerald Neumann mit der Metallsonde entdeckt hat (Foto: R. Kiepe, NIhL) Entdeckt hat die Fundstelle der Hobbyarchäologe Gerald Neumann (†). Mehrere Jahre suchte er mit der Metallsonde den abgeernteten Acker ab und fand neben Scherben vom germanischen Gebrauchsgeschirr einheimische Fibeln, aber auch römische Münzen, eine Fibel aus den römischen Provinzen und Beschläge vom Pferdegeschirr, wie sie das römische Militär verwendete. Funde wie die Neumanns treten erst in den letzten Jahren vermehrt auf, seit Sondengänger in enger Zusammenarbeit mit den Denkmalschutzbehörden immer mehr Funde aufspüren, die Kontakte der einheimischen Germanen mit dem Römischen Reich aufzeigen. Derartige Fundensembles rufen die Archäologen auf den Plan, versprechen sie doch weitreichende Erkenntnisse nicht nur zu den beiderseitigen Beziehungen, sondern auch zur Organisation von Handel und Gesellschaft bei den Germanen.
Und so brachte die Ausgrabung erstaunliche Details ans Licht. Die Archäologen deckten Werkstätten von Töpferinnen, Weberinnen und Eisenschmieden auf. Gewebt wurde in sog. Grubenhäusern, halb unterirdischen dunklen Hütten, in denen die Weberinnen ihre Webstühle aufstellten. In frei stehenden Töpferöfen wurde die Keramik gebrannt und auch der Schmied arbeitete unter freiem Himmel auf einer Stampflehmtenne, in die er offene Feuerstellen, sog. Essen, eingelassen hatte. Die Bauernhäuser, die es hier sicher auch gegeben hat, standen wohl außerhalb der Grabungsfläche und wurden deswegen (noch) nicht gefunden.

Stampflehmtenne mit Resten der Eisenverhüttung (Fotos: I. Brandt, NIhK)

Rekonstruierte Handdrehmühle und Bruchstück aus Holtorf-Lunsen (Fotos: Kiepe, NIhK; Fuchs (†), NLD) Der Fleiß hat sich offenbar ausgezahlt, denn die Bewohner konnten sich einiges leisten. Bronze-Fibeln gehörten wohl zur Grundausstattung eines jeden Germanen, aber eine Email-Scheibenfibel aus provinzialrömischen Werkstätten und eine vergoldete Silberfibel aus Mitteldeutschland waren wohl etwas Besonderes, mit dem sich ihre Besitzer schmückten. Und auch im Alltag hinterließ der Wohlstand seine segensreichen Spuren. Statt mit anstrengenden traditionellen Schiebemühlen aus heimischen Gesteinen mahlten die Hausfrauen ihr Korn mit rückenschonenden Drehmühlen aus Basaltlava, der aus der Eifel importiert wurde.
Die Grabungsstelle auf einer sandigen Kuppe im Urstromtal von Aller und Weser liegt heute weitab von jedem Fluss und man kann nicht einmal ahnen, dass auch sie einmal Anbindung an ein schiffbares Gewässer hatte. Die Weser fließt in rund zweieinhalb Kilometern Entfernung, bis zur Allermündung sind es fast zehn Kilometer Luftlinie. Doch das Ergebnis der geomagnetischen Messungen ist eindeutig: Direkt neben dem Schmiedehof floss ein Strom, dessen flache Ufer die Bewohner fleißig nutzten. Als Müll entsorgte Scherben pflasterten das Ufer und bildeten gleichzeitig eine willkommene Befestigung des schlammigen Untergrundes. Welcher Strom hier floss, ob Aller oder Weser, sollen weitere Untersuchungen klären.

Das ehemalige flache Flussufer wird ausgegraben (Foto: I. Brandt, NIhK)

Die Weser bei Baden (Foto: I. Brandt, NIhK) Handel und Verkehr vor 2000 Jahren waren ein mühsames Geschäft. Zwar zogen sich Fernhandelswege übers Land, die wahrscheinlich schon seit der Bronzezeit existierten. Aber von ausgebauten Wegen und Straßen, die zu jeder Jahreszeit passierbar waren, war man noch meilenweit entfernt. Doch die Flüsse und Ströme boten Ersatz: Sie waren die Auto- und Eisenbahnen der damaligen Zeit. Die Weser verband die Nordsee mit den Mittelgebirgen, die Aller den Verdener Raum mit der Magdeburger Börde. Die Händler befuhren die Flüsse mit Booten und flachen Schiffen und erreichten so auch den hintersten Winkel des Landes. Vom Wasser aus hielten sie Ausschau nach flachen Stellen am Ufer mit wenig Strömung, wo sie ihre Boote an Land ziehen konnten. Dort boten sie ihre Waren feil. Dieser günstigen Lage verdanken wohl auch die germanischen Bewohner Holtorf-Lunsens zumindest einen Teil ihres Wohlstandes. Holtorf-Lunsen war sicher nicht die Drehscheibe des internationalen Handels, aber doch ein wichtiger Punkt zur Versorgung der umliegenden Höfe. Gepaart mit dem spezialisierten Handwerk vor Ort bot sie die stabile Lebensgrundlage für eine Besiedlung, die fast 1000 Jahre andauerte, vom 1. bis zum 10. Jahrhundert, von der Römischen Kaiserzeit bis in das frühe Mittelalter. Erst mit dem Verlanden des Flusslaufes ging die blühende Siedlung unter, verlagerte sich das Geschehen an andere Orte, die dann im Mittelpunkt der Ereignisse standen.

Besucherandrang bei einer öffentliche Führungen über die Ausgrabung (Foto: B. Steffens, Landkreis Verden)

Auch die ganz Kleinen dürfen die Ausgrabung besichtigen: Imke Brandt mit Sohn Henri und seiner Kindergartengruppe auf dem Weg zur Ausgrabungsstelle (Foto: B. Steffens, Landkreis Verden)
