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Rätselhafte Mauerreste in Thedinghausen

Hinter den kleineren Mauerresten im Vordergrund erkennt man die mächtige Zwei-Schalen-Mauer. Dahinter das Jugendzentrum in den Räumen des ehemaligen Amtsgerichtes. (Foto: denkmal3D) Die Kinderkrippe in Thedinghausen wurde auf geschichtsträchtigem Grund gebaut. Im Mittelalter stand hier eine Burg, danach das Thedinghäuser Schloss und noch später das Amtshaus, lange Zeit das Verwaltungszentrum für das Amt Thedinghausen. Deswegen waren auch gleich die Archäologen von der Kreisarchäologie zur Stelle, als im Januar 2017 der Bagger anrückte, um den Bauplatz vorzubereiten. Sie fanden mehrere Mauern, die direkt unter der Oberfläche zu Tage traten.
Bei der nun folgenden Ausgrabung durch die Grabungsfirma denkmal3D aus Vechta wurden die Mauerreste freigelegt und sorgfältig dokumentiert. Dabei konnte eine Zwei-Schalen-Mauer von bis zu 1,60 Meter Breite dokumentiert werden, die noch auf 10 Metern Länge nachgewiesen werden konnte. Viel mehr ließ sich über die imposante Mauer allerdings nicht herausfinden: Weder wie alt sie war, noch zu welchem Gebäude sie gehörte, konnte geklärt werden, ja nicht einmal, wo innen und wo außen war. Neben der Mauer wurden ein paar weitere kleinere Mauerreste und ein Ziegelpflaster aufgedeckt, die wahrscheinlich jünger sind. Auch die Funde sind nicht wirklich aussagekräftig: ein paar neuzeitliche Scherben, ein paar Scherben des 13./14. Jahrhunderts, eine Kanonenkugel, eine Flachglasscherbe, zwei Tonpfeifenstiele und wenige Tierknochen lassen nur den Schluss zu, dass hier seit dem Mittelalter Menschen aktiv waren, über die Mauern verraten sie nichts.

Undatierter Plan vom ehemaligen Amtshaus und Umgebung. Das Amtshaus mit dem vorgelagerten Treppenturm und die anderen Gebäude stehen heute nicht mehr (Nds. Landesarchiv, Standort Wolfenbüttel, K 1247). Die historische Überlieferung und alte Pläne berichten von großartigen Bauten an dieser Stelle. Ende des 13. Jahrhunderts errichtete der Bremer Erzbischof Giselbert eine Burg, die 1526 in Backsteinarchitektur grundlegend erneuert und Anfang des 17. Jahrhundert schon wieder ausgebaut wurde. Das war das Thedinghäuser Schloss. Das muss ein imposantes Gebäude gewesen sein, dem allerdings keine lange Lebensdauer beschieden war, denn es wurde schon wenige Jahre oder Jahrzehnte später zerstört. Ende des 17. Jahrhunderts, als das Amt Thedinghausen zum Herzogtum Braunschweig kam, errichtete man über den Ruinen ein Ensemble aus mehreren Gebäuden, dessen Kern das Amtshaus war, und das von einem Wassergraben in Form eines weiten Ovals umgeben war. Mitte des 18. Jahrhunderts war das Ensemble schon zu einer vierflügeligen Anlage um einen großen rechteckigen Innenhof angewachsen. Es schien, als hätte der Ort endlich zu seiner Bestimmung gefunden. Doch schon gut 50 Jahre später wurde aufgrund veränderter politischer Zugehörigkeiten alles wieder abgerissen, um Platz für den Neubau des Amtsgerichtes zu machen. Damit ist die wechselvolle Geschichte noch nicht an ihrem Ende angelangt, denn seit der Sitz des Amtsgerichtes 1987 nach Achim wechselte, nutzt man das Gebäude als Jugendzentrum. Der Bau der Kinderkrippe setzt nun den – vielleicht vorläufigen – Schlusspunkt unter eine jahrhundertelange Entwicklung.
So bleibt am Schluss die Frage: Was wurde hier ausgegraben? Nur eine Umfassungsmauer des Amtshofes? Oder eine Mauer vom Thedinghäuser Schloss? Oder gar eine Mauer der Burg des Bremer Erzbischofs Giselbert? Diese Fragen konnte die kleine Ausgrabung nicht klären und sie werden wohl immer unbeantwortet bleiben.

Projektion der 2017 entdeckten Überreste auf eine historische Karte von 1747. Die Mauerreste passen zu keinem der hier dargestellten Gebäude (Plan: Stefan Kehlenbrink, denkmal3D; historische Karte Nds. Landesarchiv, Standort Wolfenbüttel, K 1246).
Literatur:
Fritz Garvens, Der Erbhof in Thedinghausen (Thedinghausen 2001).
Falk Näth, Jutta Precht, Reste der Burg Giselberts in Thedinghausen gefunden? Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte 87, 2018, 199–204.
Falk Näth, Jutta Precht, Burg Giselberts, Amtshaus oder Umfassungsmauer? – Mauerreste in Thedinghausen geben Rätsel auf. Jahrbuch für den Landkreis Verden 2019, 149–158.
Theodor Müller, Das Amt Thedinghausen. Seine Geschichte und seine Entwicklung (Nachdruck der Ausgabe von 1928; Thedinghausen 1988).